Was tun, wenn die Leistungen einer kompetenten Mitarbeiterin plötzlich nachlassen?
 
Liebe Leserin, lieber Leser,

weil Menschen schon aufgrund ihrer Persönlichkeit ganz verschieden sind und sie sich im Laufe ihres Lebens in unterschiedlichen Lebensphasen befinden, gibt es keine ultimative Führungsstrategie. Führung muss sich dem Reifegrad der Mitarbeitenden situativ anpassen. Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelten die Verhaltensforscher Paul Hersey und Ken Blanchard das Reifegradmodell der situativen Führung.

Erfahren Sie im heutigen Führungsimpuls, wie Sie das Modell in der ambulanten Pflege anwenden können, wenn zum Beispiel eine bislang kompetente Mitarbeiterin aufgrund von persönlichen Problemen nachlässig wird.
   
 
 
 
   
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Urban
   
   
Annett Urban,
Chefredakteurin „pdl.konkret ambulant“, fragt für Sie:
   
   
   
 
Liebe Claudia,

neulich habe ich mit einer PDL gesprochen, die zwischen den Stühlen steht. Eine langjährige und kompetente Pflegefachkraft hat in letzter Zeit einige persönliche Probleme, die ihre Leistungen beeinträchtigen. Sie verpasst Fortbildungstermine, ist nicht mehr so engagiert und macht auch während der Tour vermehrt Fehler.

Auf der einen Seite stehen die PDL vor der Verantwortung, die Pflegequalität sicherzustellen. Daher muss die PDL die Leistungsprobleme der Pflegefachkraft ansprechen und möglicherweise Maßnahmen ergreifen, um ihre Leistung zu verbessern oder Konsequenzen ziehen, wenn sich nichts ändert.

Auf der anderen Seite kennt die PDL die Pflegefachkraft persönlich gut und weiß, dass sie normalerweise eine engagierte Mitarbeiterin ist. Die PDL ist sich ihrer persönlichen Probleme bewusst und hat Mitgefühl für ihre Situation.

Hast Du eine Idee, wie eine PDL, in ihrer Position, in der sie zwischen ihrer Verantwortung als Vorgesetzte und ihrem Wunsch, einer langjährigen Mitarbeiterin zu helfen, die gerade Schwierigkeiten hat, eine angemessene Balance zwischen diesen beiden Aspekten zu finden?

Ich bin gespannt!

Herzlichst, Deine Annett von „pdl.konkret ambulant“
 
 
 
 
 
 
   
Urban
   
   
Claudia Henrichs,
Kommunikationsexpertin für die Pflege, antwortet:
   
   
   
 
Das Reifegradmodell
 
Liebe Annett, liebe Leserin, lieber Leser,

vielen Dank für diese wichtige Frage. Dazu ist mir spontan das Reifegradmodell der situativen Führung in den Kopf gekommen. Gerade weil Menschen unterschiedlich sind, wird der Fokus darauf gerichtet, in welcher von vier Entwicklungsstufen sich ein Mitarbeiter befindet. Für jeden Mitarbeitenden gilt es zu fragen, wie hoch einerseits seine Fähigkeiten und wie hoch andererseits seine Leistungsbereitschaft für die jeweilige Aufgabe ist.

Mitarbeitende in der Entwicklungsstufe 1

haben wenig Fähigkeiten zeigen aber hohe Leistungsbereitschaft. Sie sind also hochmotiviert mit wenig Fachkenntnis. Dabei kann es sich um
Anfänger in Ihrem Pflegedienst handeln, die froh sind, dass Sie bei Ihnen arbeiten dürfen oder
um eine Pflegefachkraft, die von Ihnen das Angebot bekommen hat, Leitungskraft zu werden, was schon immer ein sehnlichster Wunsch von ihr gewesen ist.

Mitarbeitende in der Entwicklungsstufe 2

müssen sich noch weitere Fähigkeiten aneignen, die Begeisterung für den Job oder die Aufgabe hat allerdings nachgelassen. Hier handelt es sich um desillusionierte Fortgeschrittene. Zum Beispiel
 
hat der Anfänger nach einigen Monaten erlebt, dass für Verhaltensweisen, die er in der Ausbildung gelernt hat, in der Praxis keine Zeit bleibt.
Die neue Leitungskraft kommt nach einiger Zeit an ihre Grenzen, weil sie merkt, wie schwierig es ist, ein Team zu führen.

Mitarbeitende in der Entwicklungsstufe 3

sind fachlich hoch kompetent, ihre Leistungsbereitschaft ist allerdings schwankend. Das sind die erfahrenen Mitarbeitenden, die phasenweise demotiviert sind oder aufgrund von Lebenssituationen ihre Energie zeitweise auf das Private lenken.

Mitarbeitende in der Entwicklungsstufe 4

sind fachlich hoch kompetent und zeigen eine gleichbleibend hohe Leistungsbereitschaft. Diese Spitzenkräfte steuern sich selbst und können sich auch in schwierigen Phasen selbst motivieren.

Im Reifegradmodell soll durch den an den Mitarbeiter angepassten situativen Führungsstil ermöglicht werden, dass die Fähigkeiten nach und nach wachsen und die Leistungsbereitschaft stabil bleibt. Also möglichst die Entwicklungsstufe 4 erreicht wird.
 
So führen Sie situativ
 
Unterscheiden Sie zwischen aufgaben- und beziehungsorientiertem Verhalten.

Mitarbeitende die noch wenig Fähigkeiten für ihre Aufgaben mitbringen, brauchen eine Führungskraft, die durch aufgabenorientiertes Verhalten stark lenkt.

Das gilt für den Anfänger genauso wie für jeden Mitarbeitenden, der eine neue Aufgabe übernimmt. Unsere neue Leitungskraft war als Pflegefachkraft wahrscheinlich mindestens in der Entwicklungsstufe 3. Als PDL mit ihren Führungsaufgaben befindet sie sich in Entwicklungsstufe 1.

Aufgabenorientiertes Führen in der Entwicklungsstufe 1 bedeutet:

Sie geben dem Mitarbeitenden klare Anweisungen und sagen
Was er tun soll,
wie er es tun soll und
bis wann er fertig sein muss.

Am Ende kontrollieren Sie die Umsetzung.

Beziehungsorientierung ist hier weniger wichtig, weil die Eigenmotivation hoch ist.

Bei Mitarbeitenden in der Entwicklungsstufe 2, den desillusionierten Fortgeschrittenen, ist der unterstützende Führungsstil angebracht. Hier handelt es sich um eine ausgewogene Mischung von aufgaben- und beziehungsorientiertem Führungsverhalten.

Das bedeutet konkret:

Sie besprechen eine Aufgabe mit Ihrem Mitarbeitenden und fragen ihn nach seinen Vorschlägen. Dann sagen Sie genau
Was er tun soll,
wie er es tun soll und
bis wann er fertig sein soll.

Beziehungsorientierung zeigen Sie, indem Sie
nach Vorschlägen fragen,
zuhören und ermutigen,
Fortschritte anerkennen und
ansprechbar sind.

Bei Mitarbeitenden in der Entwicklungsstufe 3, den hoch kompetenten Mitarbeitenden, ist der beteiligende Führungsstil gefragt.

Die Mitarbeiterin, von der Annett Urban erzählt, ist meiner Meinung nach in dieser Entwicklungsstufe. Der Leistungsabfall hat nichts mit mangelnden Fähigkeiten zu tun, sondern mit den privaten Problemen.

Deshalb muss das Führungsverhalten eine hohe beziehungsorientierte Komponente haben.

Das bedeutet konkret:
Sich Zeit für Gespräche nehmen und über die persönlichen Probleme sprechen.
Herausfinden, was die Mitarbeiterin braucht, um ihre Probleme lösen zu können.
Achtsam zuhören statt mit klugen Ratschlägen überfordern.
Ermutigen, die privaten Probleme anzugehen.
Die Auswirkungen deutlich machen, die die persönlichen Probleme auf die Arbeitsleistung haben.
Nach Ideen fragen, wie die Mitarbeiterin sich eine Lösung vorstellt.
Vielleicht hilft es, die Arbeitsstunden für eine begrenzte Zeit zu reduzieren oder so schnell wie möglich Urlaub zu nehmen.
Wichtig ist ganz deutlich zu machen, dass die PDL die Fähigkeiten der Mitarbeiterin weiterhin wertschätzt und zuversichtlich ist, dass die Leistung auch in Zukunft wieder in gewohnter Qualität erbracht wird.
Gemeinsam ein Zeitfenster setzen, ab wann die PDL wieder mit der gewohnten Arbeitsleistung rechnen muss
Und welche Konsequenzen es hat, wenn die Arbeitsleistung weiterhin zu wünschen übriglässt.

Bei Mitarbeitenden in der Entwicklungsstufe 4, den Spitzenkräften mit hohen Fähigkeiten und hoher Leistungsbereitschaft können Sie aufgaben- und beziehungsorientiertes Führungsverhalten herunterschrauben. Hier ist der delegierende Führungsstil angebracht.

Das heißt, Sie teilen Ihre Vision mit den Mitarbeitenden und übertragen ihnen die Verantwortung für
Entscheidungen,
die Lösung von Problemen und
eine Aufgabe.

Fazit

Richten Sie Ihr Führungsverhalten danach aus, wie hoch die Fähigkeiten und die Leistungsbereitschaft der jeweiligen Mitarbeitenden für die jeweilige Aufgabe ist. Je geringer die Fähigkeiten für diese Aufgabe, desto mehr müssen Sie lenken. Je geringer die Leistungsbereitschaft ist, desto mehr ist es Ihre Aufgabe beziehungsorientiert zu führen.
 
Eine Frage zum Schluss
 
In meinen Veranstaltungen stellt sich immer wieder heraus, dass die meisten PDL sich in den unterstützenden Führungsstil einordnen. Das bedeutet eine ausgewogene Mischung zwischen aufgaben- und beziehungsorientiertem Verhalten, wie es zu den desillusionieren Fortgeschrittenen passt, die einige Fähigkeiten und wenig Leistungsbereitschaft.

Meine Frage an Sie: Welche Auswirkungen hat dieses Führungsverhalten für Mitarbeitende, die sich in den Entwicklungsstufen 1,3 oder 4 befinden?

Annett Urban und ich freuen uns riesig, wenn Sie Ihre Gedanken zu dieser Frage mit uns teilen. Schreiben Sie uns gerne eine E-Mail an: fuehrungsimpulse@ppm-online.org

Herzliche Grüße,
Ihre Claudia Henrichs

PS: Sie haben unsere ersten Folgen verpasst? Kein Problem auf www.pdl-konkret.de/Fuehrungsimpulse finden Sie alle bislang erschienenen Folgen von „Führungsimpulse“ zum Nachlesen und Nachhören.

PPS: Dieses Zitat zum heutigen Thema habe ich für Sie mitgebracht:
 
 
 
Zitat der Woche
„Wessen wir am meisten im Leben bedürfen, ist jemand, der uns dazu bringt, das zu tun, wozu wir fähig sind.“

Ralph Waldo Emerson, amerikanischer Philosoph